Kacheln für alle: Mein Windows 8 Erfahrungsbericht

Mit Windows 7 war Microsoft seinerzeit ein großer Wurf geglückt: Modern im Design, einfach zu bedienen und angenehm flott wurde der Nachfolger des ungeliebten Windows Vista zur unangefochtenen Plattform für nahezu alle Computer-Systeme – von kleinen Netbooks über größere Notebooks, von Einstieg-PCs bis hin zu High-End-Workstations.

Dann allerdings kam der Tablet- und Smartphone-Boom, und mit ihm der Siegeszug der von Wischgesten bestimmten Touchscreen-Bedienung. Und vielen Anwendern, die mit ihrem Computer wirklich nur die aller einfachsten Dinge erledigen möchten, sind Tablets wie das Apple iPad mit ihrer unkomplizierten Bedienung lieber als leistungsstärkere PCs und Notebooks, die man erst umständlich hochfahren muss, auch wenn man nur kurz etwas nachschlagen möchte.

Mit Windows Phone hat Microsoft bereits eine schlagkräftige Antwort im Smartphone-Bereich gefunden; Windows 8 soll nun verlorenes Terrain bei den Tablets wiedergutmachen, gleichzeitig aber auch für die User klassischer Notebook- und Desktop-Computer problemlos zu nutzen sein. Und da ich selbst so ein klassischer User bin, interessiert mich vor allem der letzte Punkt: Ist Windows 8 auch für die Benutzer konventioneller Systeme eine Bereicherung?

Mein Testsystem

Natürlich wäre es sehr einfach gewesen, sich als Testsystem einen Highend-Rechner zu holen, um dann verwundert festzustellen, dass Windows 8 darauf flüssig läuft. Deswegen griff ich für meinen Test zu einem Einstiegs-Notebook, genauer gesagt zu dem Lenovo G770 M5392GE.

Lenovo G770

Systeminformationen

Das 17“ große Notebook aus der Lenovo Essential Reihe verfügt über einen Pentium Dual Core Prozessor mit 2,1 GHz, und ist mit einem Preis von deutlich unter 400 Euro eindeutig im Einstiegssegment angesiedelt.

Fairerweise wurde der Arbeitsspeicher von 2GB auf 4GB RAM aufgerüstet, um dem System nicht die Luft zum Atmen zu nehmen; als Windows 8 Testversion kam die Consumer Preview in der englischsprachigen 64-Bit-Version zum Einsatz. Die Webseite der Windows 8 Consumer Preview mit den zum Download angebotenen Versionen steht immer noch zur Verfügung, aber wer weiß. Wenn Ihr also noch nicht die Windows 8 Preview heruntergeladen habt, dann solltet Ihr euch beeilen.

Installation & Erste Schritte

Die Installation läuft weitestgehend so ab wie bei Windows 7: Nur wenige Einstellungen genügen, um das Betriebssystem auf die Festplatte zu bannen. Nach dem Start präsentiert sich Windows 8 in der schon von Windows Phone bekannten Kachel-Optik:

Großflächige Fliesen dominieren den Desktop, welche sowohl als klassische Icons zum Starten von Programmen dienen, als auch in Form von Live-Tiles selbstständig veränderte Inhalte (wie z.B. neu eingehende E-Mails, neue Termine oder das Wetter) wiedergeben.

Klassischer Desktop

Startbildschirm

App-Übersicht

Natürlich lässt sich Auswahl und Anordnung der Kacheln beliebig anpassen. Eine Übersicht über alle installierten Programme sowie Einstellungsmöglichkeiten erhält man, indem man auf die rechte Maustaste klickt, und auf der dann erscheinenden unteren Leiste auf „All Apps“ klickt.

minimierte Kacheln

Mail-App

Kalender-App

Ähnlich wie bei Windows Phone bietet auch Windows 8 die Verbindung mit einem Windows Live Konto an. Verfügt man über ein solches Windows Live Konto, und setzt dieses im günstigsten Fall auf allen Endgeräten ein, so werden Termine, E-Mails und Kontaktdaten geräteübergreifend aktuell und konsistent gehalten, ohne dass man sich selbst um eine mühsame Synchronisation kümmern muss. Daneben lässt sich Windows 8 selbstverständlich auch mit gängigen Messaging- und E-Mail-Konten und natürlich auch mit Facebook verbinden.

Messaging-App

facebook-connect

bing Maps

Positiv: Egal ob nun bei der Installation, beim Hochfahren des Systems, oder beim Starten von Programmen - Windows 8 läuft glücklicherweise nicht spürbar langsamer als Windows 7, was angesichts der doch nicht unwesentlichen Erweiterung auf die Touchscreen-Unterstützung durchaus bemerkenswert ist.

TaskManager Performance

TaskManager AppHistory

TaskManager Processes

Wenig Apps, viele Programme

Eine der unzweifelhaften Stärken des Windows-Ökosystems ist das schier grenzenlose Angebot an Software und die damit verbundene Flexibilität. Doch seit dem Siegeszug der Smartphones und der dazugehörigen App-Stores ziehen viele Nutzer eine zentrale Anlaufstelle für Ihre Anwendungsprogramme vor. Schließlich ist es bequemer, sämtliche Software in einem übersichtlichen Marktplatz präsentiert zu bekommen, anstatt sich diese mühselig von den verschiedensten Quellen zusammensuchen zu müssen. Dass dabei die Vielfalt und Freiheit ein wenig leidet, steht auf einem anderen Blatt.

App-Deinstallation

Übersicht installierte Apps

Verfügbare App-Updates

Glücklicherweise fährt Windows 8 hier zweigleisig: Neben dem noch spärlich gefüllten App-Store stehen den Anwendern selbstverständlich noch die klassischen Windows-Programme zur Verfügung, welche sich problemlos installieren lassen, und sich auch nahtlos in das neue Look & Feel von Windows 8 einfügen.

Windows 8 App-Store

Musik Marketplace

Movies Marketplace

Bedienung & Multimedia

Bemerkenswert einfach ist die Bedienung des Betriebssystems, sofern man bereit ist, sich mit den Gegebenheiten der Kachel-Optik anzufreunden. Ähnlich wie bei einem Smartphone oder Tablet hat man Dank der Live-Kacheln auf der Startseite mit einem Blick eine Übersicht über neue Mitteilungen, neue Kalendereinträge oder News aus sozialen Netzwerken. Dabei lassen sich neben Programmverknüpfungen und Widgets auch Ordner, Webseiten und Kontakte in Form von Kacheln auf dem Startmenü ablegen.

Desktop mit Widgets

Einstellungsleiste

PC-Einstellungen

Selbstverständlich lassen sich problemlos neue Kacheln hinzufügen oder alte entfernen; auch kann wahlweise der altbekannte Desktop aufgerufen werden. Möchte man allerdings eine Übersicht über alle installierten Programme und Anwendungen haben, muss man anstelle des ehemals bekannten Startmenüs mit einer bloßen Auflistung aller Programme vorlieb nehmen, was etwas unübersichtlich ist. Meiner Ansicht nach hätte Microsoft der klassischen Desktop-Ansicht ruhig auch das altbewährte Startmenü spendieren können.

Ebenfalls etwas unübersichtlich: Möchte man Musik oder Videos wiedergeben, so spielt die Windows-eigene Mediaplayer-App diese ausschließlich im Vollbild ab. Neben dieser Mediaplayer-App gibt es glücklicherweise aber auch weiterhin den klassischen Windows Mediaplayer.

Musicplayer

Videoplayer

Klassischer Mediaplayer

Der Windows Internet Explorer 10 lässt sich wie andere Browser ebenfalls mit teilweise sehr nützlichen Erweiterungen aufhübschen. So kann man mit dem entsprechenden Add-On unter anderem direkt aus Webseiten heraus Suchbegriffe bei Wikipedia nachschlagen – sehr praktisch.

AddOns Internet Explorer

Wikipedia-AddOn

Internet Explorer als App

Fazit

Microsoft hat es nicht leicht: Einerseits muss Windows als das mit Abstand wichtigste Produkt des Konzerns stets auf der Höhe der Zeit gehalten und damit kontinuierlich weiterentwickelt werden. Andererseits muss aber jede neue Version des Betriebssystems größtmögliche Kompatibilität mit den Vorgängerversionen haben, um Nutzer älterer Hard- und Software nicht zu vergrätzen.

Schließlich werden die Produkte des Redmonder Softwaregiganten nicht zuletzt von institutionellen Kunden wie Firmen oder Behörden gekauft, und die wollen Investitionssicherheit. Und die Entwicklung eines nur für Tablets bestimmten Betriebssystems hätte wohl wenig Sinn ergeben, da vermutlich die Grenzen zwischen Tablets und Notebooks immer mehr verschwimmen werden, und in Zukunft immer mehr klassische Laptops über einen Touchscreen verfügen werden.

Kachel-Mann: Windows 8 setzt auf flache Fliesen

Also musste Microsoft zwangsläufig einen Spagat wagen, und dieser Spagat ist meiner Meinung nach gelungen: Einerseits ist Windows nun auch geeignet für Tablets und andere Touchscreen Devices (was ich in diesem Test leider nicht überprüfen konnte), andererseits bietet Windows auf Wunsch aber auch das altebekannte Look and Feel, und unterstützt weiterhin die altbewährten Windows-Programme.

Das die Bedienung bei der Benutzung der „gewöhnlichen“ Windows-Programme nun etwas umständlicher geworden ist, und die Anzahl der Anwendungen im App-Store noch zu wünschen übrig lässt, sollte angesichts der guten Performance zu verschmerzen sein.

About the author  ⁄ Daryush Ghassemi

3 Comments

  • Antworten
    Patrick
    11. April 2012

    Vielen Dank für den Testbericht. Ich habe mir die Consumer Preview auch mal runtergeladen und werde ein wenig testen.

  • Antworten
    28. August 2012

    Hallo Ghassemi,
    Danke für deinen Bericht. Ich habe vor 2 Tagen Windows 8 auf einem kl. HP Desktop (Dual Core, 1.8 GHz, 2 Gb RAM) wie bei dir ohne Probleme installieren können. Gestaunt habe ich nur, dass man ein MS Account zuerst erstellen muss um Windows 8 zu installieren (verwirrend). Sonst ging die Installation ziemlich schnell.

    Ich teste und über seit 2 Tagen bez. der neuen Metro Oberfläche. Mir persönlich stört es, dass ich die Kacheln (Apps) nicht so verändern kann, wie ich will bez. Grösse (Höhe/Breite). Der neue IE 10 sieht zwar abgespeckt aus; leider sehe ich nirgends die Menüs im IE (Extras, Datei, Favoriten); Schade!

    Zum Glück habe ich unterdessen div. Win8 Tastenkombinationen kennengelernt; sonst wäre es echt mühsam bez. der Win8 Bedienung.

    Der Rest folgt sicher noch…

    Gruss

    Pascal